Angeln ist äußerst unterhaltsam: „Rute raus, der Spaß beginnt!“ ist der Titel einer sehr erfolgreichen Fernsehserie auf NDR. Heinz Galling und Horst Hennings gehen regelmäßig auf Angeltour und halb Norddeutschland guckt zu. Wie kann man das erklären? Ein Grund: Angeln ist beliebt. Wussten Sie, dass Miroslav Klose, Klaus Augenthaler, Horst Hrubesch und Zlatan Ibrahimovic nicht nur das Faible für Fußball teilen, sondern allesamt auch für das Angeln? Die Rapper Marteria und Sido? Angler! Auch in der Politik gibt es viel Angelprominenz, unter anderem Barack Obama. Der ehemalige US-Präsident ist bekennender Fliegenfischer. Doch wie groß ist die Bedeutung des Angelns in unterschiedlichen Bereichen wissenschaftlich betrachtet?
Bild: W. Krause
Ex-Bundesligaprofi und Trainer Horst Hrubesch ist nur einer von vielen Prominenten, die gerne angeln gehen.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Angelns
Weltweit zählen wir rund 220 Millionen Angler und damit fünfmal mehr als es Berufsfischer gibt. In Deutschland fangen Angler etwa zehnmal mehr Fisch aus Seen und Flüssen als die Berufsfischer. Und volkswirtschaftlich unterhält das Angeln in Deutschland bei einem Gesamtumsatz von 5,2 Milliarden Euro in etwa so viele Arbeitsplätze (52.000) wie die gesamte sonstige Fischwirtschaft.
Das Angeln ist heute die wichtigste Fangfischereiform in allen Seen und Flüssen aller Industrienationen. Und die wirtschaftliche Bedeutung des Angelns an der Küste hat in manchen Regionen und bei einigen Zielarten die der beruflichen Küstenfischerei ebenfalls übertroffen.
Bild: J. Pusch
Wirtschaftsfaktor Angeln: In Deutschland gibt es zwischen 2 und 4 Millionen Angler. Und die wollen auch mit Geräten und Ködern in Angelläden versorgt werden.
Gesellschaftliche Bedeutung des Angelns im Überblick
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Bild: Jeschen
Unterhaltsames Duo: Horst Hennings (l.) und Heinz Galling präsentieren einem großen TV-Publikum das Angeln auf unterhaltsame Weise.
Angelvereine helfen bei der Forschung
Auch die Fischereiforschung hat das Angeln als Forschungsgegenstand entdeckt. Zusammen mit meinem Team untersuche ich das Angeln seit nunmehr 20 Jahren und versuche, Erkenntnisse und Empfehlungen für mehr Nachhaltigkeit zu erarbeiten. Dabei versuchen wir, sowohl den Angler und wie auch den Fisch und die Reaktion von Fischpopulationen auf die Befischung zu verstehen. Aus diesen Erkenntnissen werden Empfehlungen für eine nachhaltige Angelfischerei und den Fischartenschutz abgleitet.
Die Angelfischerei wird so zum Reallabor für Nachhaltigkeitsforschung. Die hiesigen Angelvereine sind nämlich nicht nur Nutzer von Fischbeständen, sondern auch deren wichtigste Bewirtschafter. Indem wir wissenschaftlich verstehen, wie Angler und Angelvereine mit Gewässern umgehen, können wir auch lernen, wie Menschen ganz allgemein mit Natur und Umwelt umgehen. Hier setzt die Forschung meines Teams ganz besonders an. Wir forschen gemeinsam mit Angelvereinen an und in den von ihnen genutzten Seen und versuchen, zusammen robuste Erkenntnisse und Empfehlungen für mehr Nachhaltigkeit in den Angelgewässern abzuleiten.
Bild: D. Niessner
Praktische Forschung: Gemeinsam mit Anglern führten die Wissenschaftler Experimente mit markierten Hechten in von Angelvereinen bewirtschafteten Gewässern durch.
Besatzmaßnahmen: Sinnvoll oder Unsinn?
Praktisch und wissenschaftlich relevante Fragen gibt es genug. Viele Angelvereine und Angler lieben zum Beispiel den Fischbesatz. Geht der Fischbestand zurück, hebt man ihn doch einfach über das Einsetzen von Fischen aus Zuchten oder aus Wildfängen an. Ist es wirklich so einfach? Einige Ökologen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen: Es besteht die Gefahr des Verlusts von lokal angepasster biologischer Vielfalt durch Verkreuzungen zwischen Satz- und Wildfisch. Auch nicht heimische Arten können über schlecht sortierte Fischlieferungen unbemerkt verbreitet werden, genauso wie Krankheiten und Parasiten. Manche fordern gar ein Besatzverbot für Angelvereine.
Wir haben über die Jahre zusammen mit dutzenden Angelvereinen und tausenden Anglern gemeinsam geplante Experimente mit markierten Hechten, Karpfen, Schleien, Zandern und Weißfischen in den von Angelvereinen bewirtschafteten Gewässern durchgeführt. Wir konnten so zeigen, wann Fischbesatz fehlschlägt und wann er zur Bestandsanhebung beiträgt. Ein Ergebnis: Wann immer sich die Zielfischart ausreichend natürlich vermehrt, kann häufig auf Besatz verzichtet werden. Höchstens kommt es durch den Besatz zur Verdrängung eines Teils der natürlich aufkommenden Jungfische der besatzgestützten Art.
Bild: H. Jagusch
Karpfen sind ein beliebter Angelfisch. Doch ein zu intensiver Besatz kann die Gewässer eintrüben und zum Rückgang anderer Fischarten führen.
Doch auch wenn sich die Zielart nicht in einem Gewässer vermehrt, schlägt Fischbesatz häufig fehl, wenn das Gewässer nicht für die Zielart geeignet ist Probleme hat, sich im Gewässer zu etablieren. Stichwort: Einsetzen von Zandern aus Kreislaufanlagen in kleine, nährstoffarme Baggerseen. Das kann man sich wirklich sparen. Andere Maßnahmen, wie Karpfenbesatz, funktionieren hingegen.
Besatz-Alternativen mit Mehrwert
Über sozialpädagogische Methoden konnten wir außerdem belegen, dass die gemeinsame Arbeit unter Anglern und Gewässerwarten und Vorständen zu einem kritischeren Umgang mit Fischbesatz beiträgt. So wurde durch die Einbindung in die Forschung in den beteiligten Angelvereinen die Überzeugung geweckt, dass Alternativen zu Fischbesatz häufig besser geeignet sind, den Fischbeständen und der Angelfischerei zu helfen, zum Beispiel neue Fangbestimmungen oder die Schaffung von Uferlebensräumen.
In aktuell noch laufenden Projekten werten wir nun in Zusammenarbeit mit Anglern die Uferlebensräume von Baggerseen auf, statt Fische einzusetzen. Das kann auch anderen Organismen zugutekommen und fördert die Weißfischbestände nachhaltig, insbesondere wenn in Baggerseen Flachwasserzonen geschaffen werden.
Bild: AVN
Angler investieren viel Zeit in die Gewässerpflege, wie hier beim Einbringen von Totholz im Baggersee-Projekt mit dem Anglerverband Niedersachsen.
Bedeutung des Angelns für Natur- und Artenschutz
Während man über die moralische Sinnhaftigkeit bestimmter anglerischer Praktiken debattiert – unter anderem das Fangen und Freilassen von entnahmefähigen Fischen –, verschwinden viele Süßwasserfischbestände geräuschlos aus den Gewässern. Man denke an die ehemals zahlreichen Lachse und Störe, die hierzulande ausgestorben oder verschollen sind, aber früher einmal zahlreich den Rhein, die Elbe oder die Oder bevölkerten.
Den Anglern kann man diesen Biodiversitätsschwund kaum anlasten, da er vor allem auf die Einflüsse des Gewässerverbaus für Schifffahrt und Siedlungen, Verschmutzung und in den letzten Jahren auch auf den Klimawandel und die Wasserkraft zurückzuführen sind. Und das leitet hin zur unterschätzten ökologischen Bedeutung des Angelns. Übrigens erkennt der aktuelle Koalitionsvertrag der Bundesregierung diese Leistungen der Angelfischerei für Natur und Artenschutz explizit an.
Bild: A. Fieser
Dieses Bild stammt zwar aus Dänemark, doch auch in Deutschland gab es einst Lachse. Für ihr Verschwinden gibt es viele Gründe – abseits des Angelns.
Wussten Sie, dass…… kapitale Fische für den Artenschutz bedeutsam sind?Mit der Fischlänge nimmt die Eianzahl exponentiell zu, außerdem laichen alte Fische nicht immer gemeinsam mit ihren kleineren Artgenossen. Sie puffern somit Bestandsschwankungen ab und sorgen für eine stabilere Reproduktion. Das Entnahmefenster, welches nur die Mitnahme mittelgroßer Fische erlaubt, hat als Resultat der Forschung schon in vielen Regionen die Mindestmaßregelung abgelöst, zum Beispiel in Hamburg über die Überarbeitung des Landesfischereigesetzes. … Fische unterschiedliche Verhaltenstypen ausbilden?Es gibt zum Beispiel aktive und weniger aktive, mutige und scheue oder aggressive und weniger aggressive Fische in einer Fischpopulation, bei gleicher Größe und gleichem Alter wohlgemerkt. Während die Natur häufig den größeren, schneller wüchsigen und vielleicht auch mutigen Fisch belohnt, sind das die Tiere, die eher an der Angel hängen. So entnimmt die Angel- und auch die sonstige Fischerei mit der Zeit systematisch die aktiven und aggressiven Fische, die entsprechend seltener ihre Gene an die nachfolgenden Fischgenerationen weitergeben. Das kann zur Anhäufung von schüchternen, langsam wachsenden Fischen führen. Die Forscher nennen das Schüchternheits-Syndrom. Und das äußert sich dann in abnehmenden Fangbarkeiten. … ein gefangener Fisch aus seinem Fehler lernt und schlechter fangbar werden kann, sofern ihn der Angler zurücksetzt?Das konnten die Forscher vom Team um Robert Arlinghaus kürzlich an Karpfen nachweisen. Schon eine einzelne Fang- und Zurücksetzerfahrung reichte aus, um einen Zeitraum von circa einem halben Jahr schlechter an die Angel zu gehen. … die Überlebensrate zurückgesetzter Hechte, Forellen und Karpfen mehr als 95 Prozent beträgt?Bei tief gehakten Fischen sowie bei Zandern und Barschen, die aus großer Tiefe kommen, sieht das allerdings anders aus. |
Bild: F. Pippardt
Schlaue Fische: Forschungen haben gezeigt, dass gefangene und zurückgesetzte Karpfen aus ihrem „Fehler“ lernen können und sich anschließend schlechter fangen lassen.
Fehler bei der Bewirtschaftung
Vielfach wirken sich Angler als Bewirtschafter wirklich positiv auf die Artenvielfalt aus. Das konnten wir kürzlich an niedersächsischen Baggerseen nachweisen: Anglerisch bewirtschaftete Gewässer waren bei den Fischen artenreicher als unbewirtschaftete Vergleichsbaggerseen, ohne dass die Artenzahl bei sonstigen Organismen (Libellen, Pflanzen, Wasservögel) geringer war. In den Angelgewässern fanden wir auch keine relevanten Anzahlen nichtheimischer Fischarten.
Angeln und Natur- und Artenschutz sind also prinzipiell in Einklang zu bringen. Das heißt nicht, dass nicht auch in der anglerischen Bewirtschaftung Fehler gemacht werden. Wird zum Beispiel immer mit den gleichen Arten gewirtschaftet, gleichen sich die Fischartengemeinschaften über die genutzten Gewässer immer mehr an. Ein weiteres Beispiel: Zu intensiver Fischbesatz mit Karpfen bei gleichzeitig ausbleibendem Fangen (und Entnehmen) kann die Gewässer eintrüben und zum Rückgang von Schleien und Brassen beitragen.
Bild: K. Rasmussen
Kapitale Fische sind wichtig für den Artenschutz. Als Ergebnis der Forschung hat das Entnahmefenster schon in vielen Regionen die Mindestmaßregelung abgelöst.
Bedeutung des Angelns für den Gewässerschutz
Mit ein wenig Fingerspitzengefühl und Fachwissen lassen sich diese Probleme aber gut regeln, weil Angelvereine und Angler ein stark ausgeprägtes Interesse an Nachhaltigkeit haben. Sie sind nach unseren Studien vielfach bereit, sich für den Naturschutz in der Entnahme einzuschränken und viel Zeit und Geld in den Gewässerschutz zu investieren. Wenn Schutzgebiete installiert werden, um der Natur auch eine Auszeit von uns Menschen zu gönnen, ist es wichtig, alle Formen der Freizeitnutzung und sonstigen Nutzung zu regulieren.
In einer aktuellen Studie haben wir festgestellt, dass zum Beispiel von nichtangelnder Ufer- und Gewässernutzung (Spazieren gehen, Boot fahren, Baden) ähnliche Störeffekte auf Tiere und Pflanzen ausgehen wie vom Angeln. Nur das Angeln einzuschränken ist dann ökologisch gesehen wirkungslos, schädigt aber das soziale Wohlergehen und schürt immense Konflikte.
Bild: M. Wendt
In einigen Küstenregionen hat die wirtschaftliche Bedeutung des Angelns die der beruflichen Fischerei bereits übertroffen.
Anglertypen und was sie wollen
Angler werden in 5 verschiedene Typen unterschieden, das haben sozialwissenschaftliche Forschungen ergeben:
- der naturverbundene Angler;
- der soziale Angler;
- der Selbstversorger;
- der Herausforderungen-Sucher und
- der Trophäenangler.
Manche sind auch alles gleichzeitig, je nach Tag und Zielfischart. Was alle eint: Es geht primär um die Entspannung und Erholung am Wasser, aber auch um Abenteuer und nicht zuletzt auch um den Fang von Fischen. Und fast alle Angler wollen möglichst große Fische fangen, das geht aber nur, wenn die Fischereisterblichkeit ordentlich reguliert wird.
Angler haben Wächter- und Mahnfunktion
Was ebenso gern von den meisten Nichtanglern übersehen wird, ist die Entwicklung unter Wasser. Die gesellschaftliche Kenntnislage zu Fischarten und ihrem Gefährdungszustand ist unter nichtangelnden Personen sehr gering, wie wir in Umfragestudien haben nachweisen können. Die meisten Deutschen denken beispielsweise, die Regenbogenforelle sei eine heimische Fischart. Fragen Sie das mal einen Angler!
Angler werden nicht nur selbst aktiv im Sinne des Fischartenschutzes und bei Renaturierungen; sie erfüllen auch eine hinweisende Funktion und mahnen zum Beispiel Gewässer- und Fischschutzaktivitäten an. Wir sprechen von einer „ökologischen Wächter- und Mahnfunktion“ der Angelfischerei. Dementsprechend verspricht der Berliner Koalitionsvertrag die Entwicklung eines Konzepts für die „bessere Vereinbarkeit von urbaner Gewässernutzung und Naturschutz“. Das ist eine richtige Entwicklung, wie ich finde.
Bild: Fotolia
Priorität Nummer Eins von Anglerinnen und Anglern ist die Erholung und Entspannung am Wasser.
Angeln ist ein vielseitiges Erlebnis mit erstaunlichen (Forschungs-) Facetten und einigen spannenden ethischen und naturschutzfachlichen Fragen. Ich hoffe, dieser kurze Artikel hat Ihren Wissensschatz erweitert und hilft Ihnen bei der Argumentationsbildung, wenn Sie sich zum Angeln positionieren wollen.
Bedeutung des Angelns: Quellen zum Weiterlesen
(Arbeiten von Prof. Robert Arlinghaus und seinem Team unter ifishman.de)
- Ahrens, R. und andere (2020). Saving large fish through harvest slots outperforms the classical minimum-length limit when the aim is to achieve multiple harvest and catch-related fisheries objectives. Fish and Fisheries, 21, 483–510.
- Arlinghaus, R. (2006). Der unterschätzte Angler. Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart, 169 Seiten.
- Arlinghaus, R. und andere (2017). Nachhaltiges Management von Angelgewässern: Ein Praxisleitfaden. Berichte des IGB, Heft 30/2017.
- Arlinghaus, R. und andere (2015). Hand in Hand für eine nachhaltige Angelfischerei: Ergebnisse und Empfehlungen aus fünf Jahren praxisorientierter Forschung zu Fischbesatz und seinen Alternativen. Berichte des IGB Heft 28/2015, 204 pp.
- Arlinghaus, R. und andere (2019). Opinion: Governing the recreational dimension of global fisheries. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 116, 5209–5213.
- Birdsong, M. und andere (2021). Recreational angler satisfaction: what drives it? Fish and Fisheries, 22, 682–70.
- Hühn, D. und andere (2011). Determinants of hooking mortality in freshwater recreational fisheries: a quantitative meta-analysis. American Fisheries Society Symposium, 75, 141–170.
- Kochalski, S. und andere (2019). Public perception of river fish biodiversity in four European countries. Conservation Biology, 33, 164–175.
- Matern, S. und andere (2019). Effect of recreational-fisheries management on fish biodiversity in gravel pit lakes, with contrasts to unmanaged lakes. Journal of Fish Biology, 94, 865–88.
- Monk, C. T. und andere (2021). The battle between harvest and natural selection creates small and shy fish. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 118, e2009451118.
- Nikolaus, R. und andere (2020). Einfluss anglerischer Bewirtschaftung auf die Biodiversität von Baggerseen: Eine vergleichende Studie verschiedener gewässergebundener Organismengruppen. Lauterbornia, 87, 153–187.
- Schafft, M. und andere (2021). Ecological impacts of water-based recreational activities on freshwater ecosystems: a global metaanalysis. Proceedings of the Royal Society B, 288, 20211623.
- Czapla, P. und andere (2023). Reexamining one-trial learning in common carp (Cyprinus carpio) through private and social cues: No evidence for hook avoidance lasting more than seven months. Fisheries Research, 259, 106573.
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