„Das revolutionäre Magic Twig Self-Hooking Device ist da!“, schreibt OMC Tackle auf der Website. OMC steht für „One More Cast“ und ist eine Firma des bekannten englischen Karpfenanglers Ali Hamidi, der seine Karriere in der Angelindustrie sehr lang bei Korda bestritt, ehe er sich mit OMC selbstständig machte.
Dieses revolutionäre Ereignis ist nun schon anderthalb Jahre her. Seitdem hat sich viel getan. Und damit hat der gute Ali Hamidi wohl nicht gerechnet: Sein Magic Twig wurde wie von Zauberhand verboten. Und zwar erst in etlichen Seen in England, dann in Frankreich. Französische Karpfenseen (Paylakes) werden häufig von Engländern betrieben, daher vermutlich auch die schnelle Umsetzung der Verbote.
Bild: W. Krause
Der Tönnchenwirbel wird im Safety Clip versteckt (nicht im Set enthalten). In den vorderen Einhänger kommt das Rig.
Wie funktioniert das Magic Twig?
Wieso die Verbote? Das ist eine berechtigte Frage. Doch vorher noch eine andere: Wie funktioniert dieses Magic Twig denn überhaupt? Ganz einfach. Am vorderen Ende ist ein kleiner Schnellwechsel-Karabiner eingegossen, am hinteren ein Tönnchenwirbel. Der Tönnchenwirbel verschwindet im Blei (bzw. im Safety Clip); im Karabiner wird das Vorfach eingehängt und mit einem Stück Silikon gesichert.
Das Magic Twig ist eine Art Schnellspann-System mit einer kleinen Feder, ähnlich der eines Kugelschreibers. Der innere Stift wird herausgezogen und von den beiden abstehenden Greifarmen fixiert. Nun wickelt man PVA-Schnur um die Aussparung, sodass das Magic Twig nicht schon im Wurf auslöst. Saugt ein Fisch den Köder ein, lösen sich die Greifarme, die Feder zieht sich zusammen und zieht den Bolzen – an welchem das Vorfach hängt – einige Zentimeter nach hinten. Das soll die Hakenspitze ins Fischmaul treiben.
Bild: W. Krause
So wird das Magic Twig scharfgeschaltet: Hülse nach vorn ziehen und Ärmchen in den Aussparungen einrasten lassen. Mit PVA-Band oder -Tape muss das Twig gesichert werden, sonst löst es schon im Wurf aus.
Achtung, Verletzungsgefahr!
Zurück zum „Wieso“: Wieso wird das Magic Twig häufig verboten? Das Problem sind die beiden Greifarme, die das Rig spannen. Sie stehen im Drill links und rechts ab und sollen dem Fisch, wenn Bleigewicht und Magic Twig während des Drills zu nahe an seinen Kopf gelangen, Schaden zufügen können. Das mag etwas kleinlich klingen, schließlich hat man dem Karpfen auch einen Haken durch das Maul gestochen.
Dennoch nachvollziehbar: Besonders die großen und besonderen Karpfen der Paylakes – teils sind es besonders beschuppte „Fully Scaled Mirrors“ oder Kois – sind extrem teuer. Und sie werden nach dem Drill zurückgesetzt, nicht entnommen. Dass die Paylake-Besitzer ihr Kapital nicht unnötig gefährden wollen, kann man ein Stück weit nachvollziehen. Wer sich selbst mit der Funktionsweise des Magic Twig vertraut machen möchte, der bekommt es in einigen Karpfenanglershops online. Schreiben Sie uns gern Ihre Erfahrungen an [email protected] – wir freuen uns auf Ihr Feedback!
Bild: C. Darga
In vielen Paylakes ist das Twig verboten – die Verletzungsgefahr der teuren und besonderen Fische sei zu hoch.
Kommentare zur Selbsthakmontage
Wir haben unsere Blinker-Experten gefragt, was sie vom Magic Twig halten.
Michael Werner über das Magic Twig: „MacGyver wäre stolz gewesen“
MacGyver? War das nicht dieser „Wir haben dieses Gummiband und einen Kugelschreiber und daraus bauen wir eine mobile Abschussrampe“- Typ? Riiiichtig! Und MacGyver war nicht nur Geheimagent und Technikspezialist, ganz offensichtlich ist er auch Angler. Denn beim Magic Twig ist MacGyvers Handschrift ganz klar zu erkennen: „Wir nehmen einen grünen Kugelschreiber und ein Gummiband und bauen daraus ein Selbstschlagsystem fürs Karpfenangeln.“
Übrigens: Auch in mir steckt ein kleiner MacGyver. Und der entdeckte sofort das Potenzial des Kugelschreibers mit Selbstauslöser, und so bastelte ich aus einem Magic Twig und einem Method-Feeder-Korb einen Futterkorb mit Selbstanschlag. Rein zufällig passt das Magic Twig exakt in die Bohrung eines 25-g-Körbchens. Den Auslöser, also das Vorfach, wählte ich sehr kurz. Denn je weniger Spielraum, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Fisch das System auslöst. Ich drehte das Magic Twig so, dass die beiden langen, dünnen ,Sicherungsstifte‘ vom Fisch wegzeigten, denn diese stachelartigen Gebilde wollte ich nicht in der Nähe der Fischaugen haben.
Bild: M. Werner
Trotz des Erfolgs passt das „harte“ Magic Twig nicht zu einer feinen Schleienangelei, findet Michael.
Wollen wir doch mal sehen, was dieses Magic Twig kann…
Am Wochenende dann der ultimative Test am Dorfteich. Zwei Ruten, zwei Method Feeder, einer mit Magic Twig aufgerüstet. Damit Sie sich ein Bild machen können: Der Teich ist flach und nicht besonders groß, mein Schleien-Spot liegt 5 bis 8 m vom Ufer entfernt, größere Weißfische sind nicht vorhanden. Als Futter fürs Körbchen verwende ich ein Grundfutter und etwas Dosenmais, als Köder am Haar dienten zwei Pop Up-Mais.
Vorfächer und Hauptschnüre waren identisch, natürlich, und die beiden Feeder legte ich dicht beieinander aus, etwa 2 m voneinander entfernt, wobei ich ab und zu die Ruten tauschte, um beide Montagen an beiden Stellen ausgelegt zu haben. Mehr fiel mir nicht ein, um für eine Chancengleichheit zu sorgen. Besonders hohe Erwartungen hatte ich nicht, als ich beide Ruten auslegte. Tja, und was soll ich sagen? Was dann passierte, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.
Es ging ganz schnell – schon stand es 3:1!
Drei Stunden später stand es 3:1. Drei Schleien mit Magic Twig, eine ohne Selbstauslöser. Zufall? Wahrscheinlich. Am nächsten Tag, es war der 1. Oktober, folgte der zweite Versuch. Wie es war? Ich zitiere mich jetzt mal selbst: „Das geht ab wie Sau!“ Das Fangergebnis an diesem Tag möchte ich für mich behalten, aber auch an diesem Tag sprach der Fangfaktor wieder deutlich für die Anschlaghilfe, er lag bei 2,5:1. An den nächsten Angeltagen waren die Ergebnisse nicht mehr so deutlich. Es folgten ein 2:1, dann ein ernüchterndes 0:0 und ein 0:1 und dann noch ein 2:0 für die Magic Twig-Montage zum Abschluss. Viele Ergebnisse mit einer klaren Tendenz. Mit dem Magic Twig habe ich eindeutig mehr Schleien in meinem Vereinssee gefangen.
Bild: M. Werner
Michaels erster Versuch endete mit einem 3:1 für das Magic Twig.
Waidgerechtigkeit ist ein großes Wort
Sie fragen sich, ob ich jetzt danach beide Körbchen mit Magic Twigs aufgerüstet habe? Nein, das habe ich nicht. Für mich war es spannend, herauszufinden, ob dieses MacGyver-Ding wirklich funktioniert und ob meine Idee, es in einen Futterkorb einzubauen, wirklich hinhaut. Beides hat funktioniert, und diese Erkenntnis reicht mir. Denn nach meiner Anfangs-Euphorie stellte sich eine gewisse Kater-Stimmung ein, ich hatte das Gefühl, dass diese schönen Schleienfänge durch den Einsatz dieses Selbstanschlag-Tools entwertet worden sind. Und irgendwie passt diese ,harte Technik‘ nicht zu diesem wundervollen Fisch. Den großen Begriff der Waidgerechtigkeit möchte ich hier nicht bemühen, ich formuliere das anders: Ich fange gerne Fische, aber nicht um jeden Preis.
Florian Pippardt über das Magic Twig: „Nicht viel mehr als eine teure Schwachstelle“
Das Bestreben, Neues zu kreieren, ist lobenswert. Echte Innovationen werden im gesättigten – oder sogar übersättigten – Markt des Angelsports immer rarer. Erinnern Sie sich: Wann konnten wir zuletzt von einer wirklichen Innovation sprechen? Von einem Produkt, dass es so nie gab? Von einem ,industry first‘?
Mir fällt dazu der Korda Krusha ein, oder die Spomb-Futterrakete. Der Release beider Produkte liegt etliche Jahre zurück. Nun gibt es einen neuen Spitzenreiter in der Liste echter Neuerungen: das Magic Twig. Eine Innovation, das muss man Ali Hamidi lassen. Doch mehr positive Eigenschaften als das Adjektiv ,neu‘ kann ich dem Magic Twig leider nicht verleihen. Zumal ,neu‘ sogar eher wertend neutral zu betrachten ist.
Bild: T. Seemann
Die 12 Euro für das Magic Twig wären in scharfe Haken besser investiert, meint Florian.
Furchtbar nervig, auffällig und instabil
Ich finde: 12 Euro für zwei spröde Plastikstifte sind schwindelerregend. Die größte Errungenschaft des Magic Twig: Es hat den Geldbeutel des Erfinders um einige Unzen schwerer gemacht. Wie auch bei Zauberwässerchen und abgefahrenen Köderfarben glaube ich bei diesem Produkt – nach ausgiebiger Begutachtung und einigen Tests – nicht an eine Steigerung des Fangerfolgs. Ich habe mir das Magic Twig zugelegt und einige Wurftests gemacht: Es löst schon im Wurf aus. Sichert man es mit PVA-Schnur oder -Tape (wie auf der Verpackung empfohlen), dann übersteht es zwar den Wurf – aber nur bei trockenen Bedingungen. Regen, nasse Finger, ein nasses Rig oder hohe Luftfeuchtigkeit lassen das dünne PVA sofort schmelzen. Furchtbar nervig.
Außerdem bin ich sicher: Sollte es heil am Grund ankommen, übersteht es den ersten Brassenschwarm nicht. Besonders im Sommer und beim Einsatz von Beifutter herrscht am Grund reges Treiben. Da wird eingesaugt und ausgeblasen und mit den Flossen gewedelt. Das halten die dünnen Plastikärmchen niemals durch. Die lösen sofort aus. Wo wir gerade bei dünnen Ärmchen sind: Das Magic Twig ist wirklich nicht stabil gebaut. Die Feder im Inneren ist instabiler als die eines Kugelschreibers, das Plastik hat die Wandstärke eines Kinderfüllers. Ich wette, dass es im Drill zerbricht. Und sollte es diesen aushalten, dann spätestens im Kescher, wenn es sich in den Maschen verfängt.
12 Euro sparen und in scharfe Haken investieren
Hinzu kommt, dass das Magic Twig ziemlich lang und sperrig ist. Böden sind selten sauber. Kraut, Äste, Schlamm: Das Magic Twig wird wie eine dicke Antenne vom Grund abstehen. Von einer dezenten Präsentation kann man kaum sprechen – ob sie dem kurzsichtigen Karpfen nun auffällt, sei mal dahingestellt. Doch fürs positive Bauchgefühl ist diese klobige und klöderige Verlängerung des Grundbleis nicht zuträglich. Noch ein Punkt: Für präzise und weite Würfe kommt eine Montage am Magic Twig nicht in Frage – es ist in etwa so aerodynamisch wie ein Büschel Hornkraut.
Abschließend eine Frage, die man sich stellen sollte: Selbst wenn alles gut geht; das Magic Twig nicht schon während des Wurfs oder durch einen Brassenschwarm auslöst; ist dann der Hakeffekt wirklich so viel besser? So viel besser, als mit einem kurzen Vorfach von 5 bis 10 cm und einem schweren 120 g Blei? Ich glaube kaum. Mein Rat: Die 12 Euro sparen und in Blei und scharfe Haken investieren. Einfach fängt oft besser. Für die Angelei am Vereinsteich an der eigenen Uferkante ist es vielleicht geeignet, aber bei meiner persönlichen Karpfenangelei mit viel Futter, großen Wurfweiten und Bootseinsatz ist es nicht mehr als eine teure Schwachstelle.
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